Kein Krieg für Öl – Kein Öl für Krieg

Die Reclaim Power Tour auf dem War Starts Here Camp. Ein Rückblick.

When we declare war on a foreign nation, we now also declare war on the Earth.
Barry Sanders

Was macht denn eine Energie-Fahrradkarawane auf einem Anti-Militarismus-Camp? Was für einige sonnenklar war, hat bei anderen ein großes Fragezeichen oder Stirnrunzeln ausgelöst. Hauptsache, dagegen? Wollt ihr mit eurer Radtour mal eben einen kompletten Gesellschaftskritik-Rundumschlag hinlegen? Verwässert ihr damit nicht eure ‚message’?
In der Diskussion um unseren Tourstopp wollen wir zwei Themen zusammenbringen – Krieg und Militarismus – die dringend zusammengehören: ebenso wie zwei Bewegungen, die sich gegenseitig stärken und ergänzen können.

Die Reclaim Power Tour stand unter dem Zeichen der Vernetzung: wir haben quer durch Deutschland energiepolitisch umstrittene Orte besucht und mit unseren Rädern einen Roten Faden zwischen den aktiven Gruppen gezogen: ob Anti-Atom-Gruppen, Bürger_innen-Initiativen gegen CCS oder Klimacamps im Braunkohleabbaugebieten. Der Plan war, das Gemeinsame in diesen politischen Kämpfen herauszustellen, und dabei unseren Begriff von einer ‚echten’ umfassenden Energiewende zu verbreiten. Denn wir verstehen unter Energiewende einen gesellschaftlichen Wandel, der an Machtstrukturen rüttelt und Verteilungsfragen stellt. Für den nicht nur problematisiert werden muss, wo unsere Energie herkommt. Sondern auch, wofür sie verwendet und verschwendet wird. Darum führte unsere Route auch auf dem War Starts Here Camp bei Letzlingen vorbei, einem Aktions- und Diskussionscamp, das sich gegen das Gefechtsübungszentrum (GÜZ) in der Altmark richtet.

Das Gefechtübungszentrum in der Letzlinger Heide bei Magdeburg gilt als eine der modernsten militärischen Trainingsanlagen weltweit. Hier werden Soldat*innen der Bundeswehr und anderer NATO-Armeen in simulierten Gefechten auf ihre Auslandseinsätze vorbereitet. Die Siedlungen sind so angelegt, dass die Truppen ihre Manöver möglichst wirklichkeitsgetreu durchführen können: sie sind teilweise im Stil von kosovarischen oder afghanischen Dörfern gebaut. Zur Zeit wird außerdem eine Übungsstadt nach dem Vorbild einer europäischen Metropole errichtet, damit die Bundeswehr ihre urbanen Gefechtstechniken perfektionieren kann. Für rund 100 Millionen Euro – und mit Tonnen von Stahl und anderen Rohstoffen – entsteht hier eine komplette Großstadt samt Regierungsbezirk, Altstadt, Elendsviertel, Flughafen und U-Bahn mit dem Namen „Schnöggersburg“. Absurderweise mitten in der strukturschwachen „Steppe Sachsen-Anhalts“, wo die Menschen um das letzte Freibad in der Region kämpfen, das geschlossen werden soll.

An einem Diskussionsabend auf dem Camp kristallisierten sich die Überschneidungspunkte zwischen den Themenfeldern Militarismus, Energie und Klima. Offensichtlich ist, dass Staaten Kriege führen, um den Zugang zu Rohstoffen zu sichern, die unerlässlich sind, um den Fortbestand und Vormachtstellung ihrer Wirtschaft sowie ihres Militärapparates zu sichern. Dabei geht es nicht nur um Ressourcen, die für die Energiegewinnung notwendig sind (wie Öl und Uran), sondern auch um strategische Metalle (z.B. Kobalt, Kupfer). Historisch gesehen ist das nichts Neues: man vermutet, dass die Griechen Troja angegriffen haben, um sich den Zugang zu Zinnvorkommen zu sichern. Und die Kern-Agenda hinter aktuellen Kriegen, die vorgeblich ‚Menschenrechte’ schützen sollen, sind in vielen Beispielen von kritischen Journalist*innen herausgestellt worden. In Zukunft ist damit zu rechnen, dass es in militärischen Konflikten verstärkt um Wasser, Fischbestände und andere ‚lebende’ Ressourcen gehen, die sich im Zuge der globalen Erwärmung verknappen werden. Das Pentagon erklärte darum „schon“ 2003 den Klimawandel zum Sicherheitsrisiko und warnte vor Umweltkatastrophen, Hungerrevolten, Bürgerkriegen und Millionen von Flüchtlingen. Was allerdings nicht zu den Konsequenzen geführt, die sich unsereins vielleicht wünschen würde.

Soweit ist die Lage ganz gut dokumentiert. Wir gehen jedoch auf dem Eis von dünnen Fakten, als wir überlegen: was trägt das Militär denn zum Klimawandel bei? Wie viel Treibstoff verbraucht eigentlich die Bundeswehr, wie viel Energie geht in die Rüstungsindustrie? Was ist die CO2-Bilanz eines Krieges? Gleich vorweg: es gibt genug Gründe gegen Krieg, ganz abgesehen von der Frage seiner Klimawirkung. Die Untersuchung dieses Zusammenhangs darf auf keinen Fall in die Konsequenz münden, ein ökologisch verträgliches Abschlachten von Menschen zur fordern.

Ist die Gefahr, bei der Frage nach dem CO2-Ausstoß des Militärs in moralische Schieflagen zu geraten, ein Grund dafür, warum sie so selten gestellt wird? Tausende von Menschen protestieren gegen das Megaprojekt Stuttgart 21 – dass in Letzlingen mitten in der Pampa U-Bahnen gebaut werden, in denen nie jemand fahren wird, bekommt kaum jemand mit. Viele Autofahrer*innen achten mittlerweile auf den Spritverbrauch ihres Fahrzeugs. Bei 3 Liter pro 100 km liegt die Latte, 10 Liter gelten als Sauerei – ein M1-Panzer verbraucht etwa 4700 Liter auf 100 km. Wo wird in der Umweltszene angezweifelt, dass er fahren muss? Ich verwende oft Teelichter ohne Aluschale. Denn ich kenne die Energiebilanz von Alu-Schmelzen, die Bilder von roten toxischen Schlammseen, die Berichte der indischen Adivasis, die wegen der Bauxitminen von ihrem Land vertrieben werden. Aber was tue ich dagegen, dass Unmengen von Aluminium in der Rüstungsindustrie landen? In einer einzigen Interkontinentalrakete stecken 50 Tonnen davon.
Und jede Rakete ist eine Wegwerf-Rakete. Ohne Pfandsystem.

Der größte Einzelverbraucher von Öl in der Welt ist das Pentagon. Der US-amerikanische Militärapparat mit all seinen Kampfjets, Panzern und anderen Fahrzeugen hat im Jahr 2006 etwa 48.000.000 Liter Treibstoff pro Tag verbraucht. Sein Stromverbrauch des gleichen Jahres entsprach dem von 2,6 Millionen amerikanischen Haushalten. Barry Sanders hat in seinem Buch Green Zone. The Enviromental Cost of Militarism den jährlichen CO2-Ausstoß des US-Militärs auf 73 Millionen Tonnen geschätzt – die, wohlgemerkt, zu den offiziellen Zahlen des Treibhausgasausstoßes der USA noch dazukommen, da die Emissionen des Militärs nicht berichtspflichtig sind. Allerdings kam Michael Renner schon 1991 zu einem ganz anderen Ergebnis: er ging von 150 Millionen Tonnen CO2 aus – und sogar doppelt soviel, wenn man die Rüstungsindustrie miteinbezöge. So oder so: kein Thema für die Klimakonferenzen.
Für die Bundeswehr ist die Datenlage besonders mau. Im Rahmen einer parlamentarischen Anfrage beauftragten 1991 die GRÜNEN die Forschungsstelle „Militär, Ökologie und Planung“ (MÖP) e.V., eine Studie zum Thema „Militär und Klima“ zu erstellen. Nach deren Berechnungen belaufen sich die CO₂-Emissionen des bundesdeutschen Militärapparates auf 39,4 Millionen Tonnen pro Jahr (ohne Rüstungsproduktion). Falls in den letzten 22 Jahren noch einmal wissenschaftlich dazu gearbeitet wurde, haben die Autor*innen ihre Ergebnisse gut versteckt – wir haben sie leider in unseren ersten Recherchen nicht finden können. Über Hinweise zu neuerer Literatur sind wir dankbar! Im Jahr 2007 gab es eine Kleine Anfrage der Linken an die Bundesregierung zur Klimawirkung der Kriege in Irak und in Afghanistan. Wir erfahren dadurch Folgendes:

Der Bundesregierung liegen keine Erkenntnisse vor, die Aussagen zu Auswirkungen der Einsätze anderer Nationen im Irak oder zu Einsätzen der NATO und anderer Nationen in Afghanistan hinsichtlich einer Klimaveränderung regional oder global zulassen. Die Bundesregierung verfügt nicht über Informationen zum Kohlendioxidausstoß pro Jahr durch die benannten Einsätze im Irak und in Afghanistan .

Die Zahlengrundlage ist also unbefriedigend. Sie reicht aber aus, um die Absurdität eines Systems zu verstehen, das mit einem gigantischen Ressourcenverbrauch einen Apparat betreibt, dessen Aufgabe es ist, Ressourcen zu sichern. Der dadurch immer mehr zerstört, was angeblich verteidigt werden soll: unsere Sicherheit.
Am Beispiel Irak wird das besonders deutlich. Laut Olaf Achilles vom MÖP verbrauchte das US-Militär 2005 etwa ein Drittel der der irakischen Jahres-Öl-Förderung. Barry Sanders bringt es so auf den Punkt:

The surpreme irony hits one smack in the face: the very real possibility that we are fighting this seemingly endless war in Iraq – destroying the people, their will, their heritage, history, and the very land they live off – so that we can procure more and more oil. To reach that goal of more oil, the military consumes enormous amounts of fuel and, in turn, spews into the atmosphere more and more greenhouse gases, along with other more lethal kinds of pollution.

Nicht nur der Energieverbrauch von Krieg ist ein ökologisches Problem. Hinzu kommt etwa die Verseuchung ganzer Landstriche durch Uran. Im Irak hat der Einsatz uranhaltiger Munition in den Golfkriegen eine massive Gesundheitskrise ausgelöst. Feinste radioaktive Teilchen, die der Wind verbreitet, werden von den Menschen durch Poren und Atemwege aufgenommen. Das kann u.a. Krebs, Unfruchtbarkeit oder Verhaltensänderungen verursachen. In Basra, einem Gebiet, in dem eine besonders hohe Konzentration an angereichertem Uran gemessen wurde, vervierfachte sich nach 2003 die Zahl der Geburtsfehler. Pflanzen und Tiere absorbieren ebenfalls radioaktive Partikel. Einmal im Boden und im Trinkwasser gelandet, wird Uran zu einem langfristigen Teil der Nahrungskette. Wegen der langen Halbwertzeit des Metalls sind also die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen auf Tausende von Jahren hinweg zerstört.

Was folgt nun aus diesen Überlegungen? Kampagnen, die ökologisch abbaubare Munition fordern oder Kampfjets mit Biodiesel? Nachhaltigkeitssiegel für Langstreckenraketen? Sicher nicht. Klar ist zunächst: Krieg ist ein Thema für die Klima- und Umweltbewegung.

Bitte meldet euch, wenn ihr mit uns zusammenarbeiten wollt.

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