Kein Krieg für Öl – Kein Öl für Krieg

Die Reclaim Power Tour auf dem War Starts Here Camp. Ein Rückblick.

When we declare war on a foreign nation, we now also declare war on the Earth.
Barry Sanders

Was macht denn eine Energie-Fahrradkarawane auf einem Anti-Militarismus-Camp? Was für einige sonnenklar war, hat bei anderen ein großes Fragezeichen oder Stirnrunzeln ausgelöst. Hauptsache, dagegen? Wollt ihr mit eurer Radtour mal eben einen kompletten Gesellschaftskritik-Rundumschlag hinlegen? Verwässert ihr damit nicht eure ‚message’?
In der Diskussion um unseren Tourstopp wollen wir zwei Themen zusammenbringen – Krieg und Militarismus – die dringend zusammengehören: ebenso wie zwei Bewegungen, die sich gegenseitig stärken und ergänzen können.

Die Reclaim Power Tour stand unter dem Zeichen der Vernetzung: wir haben quer durch Deutschland energiepolitisch umstrittene Orte besucht und mit unseren Rädern einen Roten Faden zwischen den aktiven Gruppen gezogen: ob Anti-Atom-Gruppen, Bürger_innen-Initiativen gegen CCS oder Klimacamps im Braunkohleabbaugebieten. Der Plan war, das Gemeinsame in diesen politischen Kämpfen herauszustellen, und dabei unseren Begriff von einer ‚echten’ umfassenden Energiewende zu verbreiten. Denn wir verstehen unter Energiewende einen gesellschaftlichen Wandel, der an Machtstrukturen rüttelt und Verteilungsfragen stellt. Für den nicht nur problematisiert werden muss, wo unsere Energie herkommt. Sondern auch, wofür sie verwendet und verschwendet wird. Darum führte unsere Route auch auf dem War Starts Here Camp bei Letzlingen vorbei, einem Aktions- und Diskussionscamp, das sich gegen das Gefechtsübungszentrum (GÜZ) in der Altmark richtet.

Das Gefechtübungszentrum in der Letzlinger Heide bei Magdeburg gilt als eine der modernsten militärischen Trainingsanlagen weltweit. Hier werden Soldat*innen der Bundeswehr und anderer NATO-Armeen in simulierten Gefechten auf ihre Auslandseinsätze vorbereitet. Die Siedlungen sind so angelegt, dass die Truppen ihre Manöver möglichst wirklichkeitsgetreu durchführen können: sie sind teilweise im Stil von kosovarischen oder afghanischen Dörfern gebaut. Zur Zeit wird außerdem eine Übungsstadt nach dem Vorbild einer europäischen Metropole errichtet, damit die Bundeswehr ihre urbanen Gefechtstechniken perfektionieren kann. Für rund 100 Millionen Euro – und mit Tonnen von Stahl und anderen Rohstoffen – entsteht hier eine komplette Großstadt samt Regierungsbezirk, Altstadt, Elendsviertel, Flughafen und U-Bahn mit dem Namen „Schnöggersburg“. Absurderweise mitten in der strukturschwachen „Steppe Sachsen-Anhalts“, wo die Menschen um das letzte Freibad in der Region kämpfen, das geschlossen werden soll.

An einem Diskussionsabend auf dem Camp kristallisierten sich die Überschneidungspunkte zwischen den Themenfeldern Militarismus, Energie und Klima. Offensichtlich ist, dass Staaten Kriege führen, um den Zugang zu Rohstoffen zu sichern, die unerlässlich sind, um den Fortbestand und Vormachtstellung ihrer Wirtschaft sowie ihres Militärapparates zu sichern. Dabei geht es nicht nur um Ressourcen, die für die Energiegewinnung notwendig sind (wie Öl und Uran), sondern auch um strategische Metalle (z.B. Kobalt, Kupfer). Historisch gesehen ist das nichts Neues: man vermutet, dass die Griechen Troja angegriffen haben, um sich den Zugang zu Zinnvorkommen zu sichern. Und die Kern-Agenda hinter aktuellen Kriegen, die vorgeblich ‚Menschenrechte’ schützen sollen, sind in vielen Beispielen von kritischen Journalist*innen herausgestellt worden. In Zukunft ist damit zu rechnen, dass es in militärischen Konflikten verstärkt um Wasser, Fischbestände und andere ‚lebende’ Ressourcen gehen, die sich im Zuge der globalen Erwärmung verknappen werden. Das Pentagon erklärte darum „schon“ 2003 den Klimawandel zum Sicherheitsrisiko und warnte vor Umweltkatastrophen, Hungerrevolten, Bürgerkriegen und Millionen von Flüchtlingen. Was allerdings nicht zu den Konsequenzen geführt, die sich unsereins vielleicht wünschen würde.

Soweit ist die Lage ganz gut dokumentiert. Wir gehen jedoch auf dem Eis von dünnen Fakten, als wir überlegen: was trägt das Militär denn zum Klimawandel bei? Wie viel Treibstoff verbraucht eigentlich die Bundeswehr, wie viel Energie geht in die Rüstungsindustrie? Was ist die CO2-Bilanz eines Krieges? Gleich vorweg: es gibt genug Gründe gegen Krieg, ganz abgesehen von der Frage seiner Klimawirkung. Die Untersuchung dieses Zusammenhangs darf auf keinen Fall in die Konsequenz münden, ein ökologisch verträgliches Abschlachten von Menschen zur fordern.

Ist die Gefahr, bei der Frage nach dem CO2-Ausstoß des Militärs in moralische Schieflagen zu geraten, ein Grund dafür, warum sie so selten gestellt wird? Tausende von Menschen protestieren gegen das Megaprojekt Stuttgart 21 – dass in Letzlingen mitten in der Pampa U-Bahnen gebaut werden, in denen nie jemand fahren wird, bekommt kaum jemand mit. Viele Autofahrer*innen achten mittlerweile auf den Spritverbrauch ihres Fahrzeugs. Bei 3 Liter pro 100 km liegt die Latte, 10 Liter gelten als Sauerei – ein M1-Panzer verbraucht etwa 4700 Liter auf 100 km. Wo wird in der Umweltszene angezweifelt, dass er fahren muss? Ich verwende oft Teelichter ohne Aluschale. Denn ich kenne die Energiebilanz von Alu-Schmelzen, die Bilder von roten toxischen Schlammseen, die Berichte der indischen Adivasis, die wegen der Bauxitminen von ihrem Land vertrieben werden. Aber was tue ich dagegen, dass Unmengen von Aluminium in der Rüstungsindustrie landen? In einer einzigen Interkontinentalrakete stecken 50 Tonnen davon.
Und jede Rakete ist eine Wegwerf-Rakete. Ohne Pfandsystem.

Der größte Einzelverbraucher von Öl in der Welt ist das Pentagon. Der US-amerikanische Militärapparat mit all seinen Kampfjets, Panzern und anderen Fahrzeugen hat im Jahr 2006 etwa 48.000.000 Liter Treibstoff pro Tag verbraucht. Sein Stromverbrauch des gleichen Jahres entsprach dem von 2,6 Millionen amerikanischen Haushalten. Barry Sanders hat in seinem Buch Green Zone. The Enviromental Cost of Militarism den jährlichen CO2-Ausstoß des US-Militärs auf 73 Millionen Tonnen geschätzt – die, wohlgemerkt, zu den offiziellen Zahlen des Treibhausgasausstoßes der USA noch dazukommen, da die Emissionen des Militärs nicht berichtspflichtig sind. Allerdings kam Michael Renner schon 1991 zu einem ganz anderen Ergebnis: er ging von 150 Millionen Tonnen CO2 aus – und sogar doppelt soviel, wenn man die Rüstungsindustrie miteinbezöge. So oder so: kein Thema für die Klimakonferenzen.
Für die Bundeswehr ist die Datenlage besonders mau. Im Rahmen einer parlamentarischen Anfrage beauftragten 1991 die GRÜNEN die Forschungsstelle „Militär, Ökologie und Planung“ (MÖP) e.V., eine Studie zum Thema „Militär und Klima“ zu erstellen. Nach deren Berechnungen belaufen sich die CO₂-Emissionen des bundesdeutschen Militärapparates auf 39,4 Millionen Tonnen pro Jahr (ohne Rüstungsproduktion). Falls in den letzten 22 Jahren noch einmal wissenschaftlich dazu gearbeitet wurde, haben die Autor*innen ihre Ergebnisse gut versteckt – wir haben sie leider in unseren ersten Recherchen nicht finden können. Über Hinweise zu neuerer Literatur sind wir dankbar! Im Jahr 2007 gab es eine Kleine Anfrage der Linken an die Bundesregierung zur Klimawirkung der Kriege in Irak und in Afghanistan. Wir erfahren dadurch Folgendes:

Der Bundesregierung liegen keine Erkenntnisse vor, die Aussagen zu Auswirkungen der Einsätze anderer Nationen im Irak oder zu Einsätzen der NATO und anderer Nationen in Afghanistan hinsichtlich einer Klimaveränderung regional oder global zulassen. Die Bundesregierung verfügt nicht über Informationen zum Kohlendioxidausstoß pro Jahr durch die benannten Einsätze im Irak und in Afghanistan .

Die Zahlengrundlage ist also unbefriedigend. Sie reicht aber aus, um die Absurdität eines Systems zu verstehen, das mit einem gigantischen Ressourcenverbrauch einen Apparat betreibt, dessen Aufgabe es ist, Ressourcen zu sichern. Der dadurch immer mehr zerstört, was angeblich verteidigt werden soll: unsere Sicherheit.
Am Beispiel Irak wird das besonders deutlich. Laut Olaf Achilles vom MÖP verbrauchte das US-Militär 2005 etwa ein Drittel der der irakischen Jahres-Öl-Förderung. Barry Sanders bringt es so auf den Punkt:

The surpreme irony hits one smack in the face: the very real possibility that we are fighting this seemingly endless war in Iraq – destroying the people, their will, their heritage, history, and the very land they live off – so that we can procure more and more oil. To reach that goal of more oil, the military consumes enormous amounts of fuel and, in turn, spews into the atmosphere more and more greenhouse gases, along with other more lethal kinds of pollution.

Nicht nur der Energieverbrauch von Krieg ist ein ökologisches Problem. Hinzu kommt etwa die Verseuchung ganzer Landstriche durch Uran. Im Irak hat der Einsatz uranhaltiger Munition in den Golfkriegen eine massive Gesundheitskrise ausgelöst. Feinste radioaktive Teilchen, die der Wind verbreitet, werden von den Menschen durch Poren und Atemwege aufgenommen. Das kann u.a. Krebs, Unfruchtbarkeit oder Verhaltensänderungen verursachen. In Basra, einem Gebiet, in dem eine besonders hohe Konzentration an angereichertem Uran gemessen wurde, vervierfachte sich nach 2003 die Zahl der Geburtsfehler. Pflanzen und Tiere absorbieren ebenfalls radioaktive Partikel. Einmal im Boden und im Trinkwasser gelandet, wird Uran zu einem langfristigen Teil der Nahrungskette. Wegen der langen Halbwertzeit des Metalls sind also die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen auf Tausende von Jahren hinweg zerstört.

Was folgt nun aus diesen Überlegungen? Kampagnen, die ökologisch abbaubare Munition fordern oder Kampfjets mit Biodiesel? Nachhaltigkeitssiegel für Langstreckenraketen? Sicher nicht. Klar ist zunächst: Krieg ist ein Thema für die Klima- und Umweltbewegung.

Bitte meldet euch, wenn ihr mit uns zusammenarbeiten wollt.

Danke,

an alle solidarischen Bürgerinitativen, Eizelpersonen und Gruppen, die die Reclaim Power Tour auf unterschiedliche Art unterstützt haben. Nur durch euch ist die Tour möglich und so erfolgreich geworden.

Bonn – Köln: die Reclaim Power Tour vereint

Es war der Tag, den wir alle herbeigesehnt hatten seit wir uns in Freiburg, Stuttgart oder einem der vielen Orte auf unserem Weg auf das Fahrrad gesetzt hatten. Heute würden wir endlich die Menschen der Nordroute kennenlernen, die so viele ähnliche und gleichzeitig so viele unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Wir würden in Köln auf sie treffen, ein ausgebreitetes Programm durchlaufen und dann abends im Kanuclub Neptun die Chance haben uns auszutauschen, kennenzulernen und gemeinsam dem nächsten Tag, dem Weg Richtung Klimacamp entgegenzufiebern. Es hörte sich schön an.

Die Realität sah leider anders aus.

Der Morgen im Haus Oskar-Romero war ausgelassen. Am Vortag ereilte uns die frohe Botschaft, dass das Klimacamp nach so vielen Komplikationen nun doch (fast) normal stattfinden sollte. Außerdem gab es ein hervorragendes Frühstück, und sowieso verlief alles nach Plan. Demenstprechend pannenlos ging es dann auch nach Köln und schon bald fand sich die Karawane am Rhein wieder, wo sie die letzten Meter als Südroute bestritt.

Den feierlichen Moment hatten sich dann viele als feierlicher vorgestellt. Wir platzten mitten in einen Vortrag eines Professors, der sich nur sehr ungern unterbrochen sah – stille Freude und neugierige Blicke waren dann auch alles, was erlaubt wurde. Als sich dann um eine Pause bemüht wurde kam es dann doch noch zu einer etwas lauteren Freudenbekundung. Doch viel Zeit, um sich auszutauschen blieb nicht. Sofort ging der Vortrag weiter und die inzwischen nahezu 50 Mensch starke Truppe bewegte sich zu einer Wiese am Rhein, wo ein Picknik vorbereitet wurde. Und kaum war die Nord/Süd Karawane dort angekommen, kaum hatten sich ihre Mitglider sattgegessen, ging es auch schon weiter zum nächsten Vortrag. Die Kölner_innen hatten sich viel Mühe mit dem Programm gegeben. Nach einem kleinen und eher ungeplanten Abstecher in die Eingangshalle des Verwaltungsgericht Köln, wo die Reclaim Power Tour lautstark ihre Meinung zur Alltagsrepression gegen den politischen Protest kundtat, fanden wir uns vor einem politisch angehauchten (und zum Glück noch nicht verbotenen) politisch angehauchtem Puppentheater über Omas Haus und Herrn irRWEg wieder.

Und dann kam die Meldung…Nach allem hin und her gab es doch wieder Probleme auf dem Klimacamp. Sofort wurden alle restlichen Programmpunkte aufgeschoben und die Gruppe traf sich zu ihrem ersten Plenum. Die vollständige Info: Während die Gemeinde Infrastrukturzelte auf der Obswiese aus dem Urteil des Verwaltungsgerichts Köln als genehmigt sah, war die Polizei anderer Meinung. Zelte hätten dort nichts zu suchen und sollten entfernt werden. In anderen Worten: die Polizei hatte zwar die Möglichkeit, sich an die Interpretation der Gemeinde zu halten, hatte aber offensichtlich die Intention, es den AktivistInnen so schwer wie Möglich zu machen, ihre Meinung zu äußern – sie wählte zum Unverständnis aller die Eskalation. Es gab zwar noch einen Acker neben der Obstwiese, der genutzt werden durfte (nicht weil die Polizei nett war, sondern weil der Acker Privatbesitz ist). Doch wie sollten die mehreren hundert Aktivist_innen dort Platz finden, mal ganz abgesehen von der Frage wie die weiteren mehreren Hundert, die später für das Reclaim the Fields Camp anreisen würden unterkommen sollten? Auf dem Camp in Manheim, so kam die Meldung, wollten die bereits anwesenden Aktivist_innen für die Obstwiese kämpfen.

Die Menschen der Reclaim Power Tour standen also vor der Entscheidung: Sollten wir die Leute in Manheim unterstützen? Würde das überhaupt etwas bringen? Sollte man dafür die Tour spalten, die sich eben erst, nach 5 Wochen Fahrt und so vielen Kilometern, getroffen hatte?

In einem emotionalen Plenum kam es dann zur Entscheidung. Die Tour wurde gespalten. Ein Teil fuhr mit dem Zug in Richtung Manheim und ein anderer blieb wie geplant in Köln zurück. Und so endete das lang ersehnte aufeinandertreffen der Reclaim Power Tour. Mit Auseinanderbrechen.

Irgendwann am Abend kam dann auch der Anruf aus Manheim. Alles war ok. Die Veranstalter_innen hatten es geschafft die Repressionstriebe der Polizei erseinmal zu besänftigen indem sie einige der Zelteabbauten. Und so war ein Teil der Tour in Köln und ein anderer in Manheim. Und alles war friedlich.

war-starts-here-camp – Grüße

Liebe Klima-Radler_innen!

Eure Initiative am antimilitaristischen Aktionstag 27.07.2013 gegen das
Gefechtsübungszentrum (GÜZ) gemeinsam mit uns vom
war-starts-here-camp“ Aktionen zu starten, begrüßen wir. Denn
unser Verständnis von den Ursachen von Krieg hängt direkt mit der
Energiefrage und unseren Ressourcenverbrauchenden Lebensweisen hier
in diesem Land zusammen.
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Reclaim Power Tour auf dem Weg nach Köln

In großen Schritten rückt die ReclaimPowerTour aufs Rheinland zu. Vom 22.-24.8. wird sie ihre letzte Etappe durchschreiten: Köln. Mit Unterstützung von zahlreichen Gruppen aus Köln und Umgebung.haben die Menschen vor Ort ein umfangreiches Programm erstellt.

Kommt und macht mit bei den zahlreichen Aktionen am 23.8. in Köln.
Am Freitag Vormittag wird es außerdem eine Pressekonferenz der ReclaimPowerTour, des Klimacamps und des Reclaim the fields Camps in Köln geben.

Um ca. 13:30 Uhr stößt dann die Süd-Karawane dazu.
Ab 17:30 wird es mit allen gemeinsam vom Alten Markt aus eine Critical Mass durch die Stadt geben. Anlass laut zu sein gibt es genug: Die Einschüchterung der Klimacamper*innen noch vor Beginn des Camps, der allegegnwärtige Braunkohle-Konzern RWE, die Verkehrspolitik in Köln.
Am Samstag den 24.8. wollen wir dann gemeinsam zum KlimaCamp aufbrechen.

Kommt dazu – radelt mit !!! Beteiligt euch an der großen Critical Mass durch Köln und auf den letzten Kilometern Richtung Klimacamp und Reclaim the fields Camp !!!

Dienstag 21. August – Koblenz – Südroute

Dies sollte er also sein, der lang ersehnte Pausentag. Heute konnten wir aufstehen, frühstücken und duschen, alles ohne die stetig tickende Uhr im Hinterkopf, die uns normalerweise an eine kurz bevorstehende Abfahrt erinnert. Der heutige Pausentag sollte aber in keiner Weise bedeuten, dass heute die Räder still stehen. Die Koblenzer BUND-Jugend, die auch für unsere wunderschöne Unterbringung (inklusive Komposttoilette) gesorgt hatte, holte uns schon bald ab und brachte uns zum Hauptbahnhof dieser Stadt, wo die lange im Vorfeld geplante Fahrraddemo beginnen sollte. Mit Klingeln und Parolen ging es also auf den durch die Koblenzer Innenstadt. Und wo Menschen ihre Meinung kund geben, da darf natürlich auf die Polizei mit Fotokameras nicht fehlen.

Nach langen Diskussionen erklärten sich die freundlichen Beamten dann auch bereit ihren Dokumentationstrieb zu unterdrücken und so konnte die Gruppe, die ca. 50 Fahrräder zählte, beinahe unbehelligt den Rest der Demo gegen Atom und Kohle und für eine Energiewende von unten fortsetzen. Mehrere male stoppten wir um von verschiedenen Teilnehmern der Demo von ihren persönlichen Energiekämpfen zu hören. So wurden Demonstranten und Umstehende zur Reclaim Power Tour informiert, über das Klimacamp aufgeklärt und ein Stuttgart 21 Gegner erzählte uns von dem Kampf gegen einen sinnlosen und energiefressenden Bahnhof, der trotz des Schweigens der Medien immer noch sehr lebendig ist. Auch die Menschen des BUND brachten ihre Argumente für eine Zukunft frei von fossilen Energieträgern hervor.

Nach der Demo begaben sich die Fahrräder dann wieder in Richtung den BUND Büros. Hier versorgten uns die Anarchosyndikalisten mit einer (wirklich!) vorzüglichen VoKü, nach der die Karawane dann wieder ihren Ruheplatz aufsuchte.

Was versprach ein ruhiger Abend zu werden, endete leider in großer Enttäuschung. Wie so viele erreichten uns die schlechten Nachrichten vom Klimacamp. Die Radler der Südroute sind allesamt schockiert von dem Schritt des Kölner Verwaltungsgerichts und hoffen, dass sich hier bald eine umsetzbare Lösung findet. Wir kommen nach Köln, brauchen ein Camp und sollte es verboten werden, müssen wir uns kreative Lösungen ausdenken.

Dienstag, 20 August – von Sankt Goar nach Koblenz – Südroute

Dieser Bericht soll einmal aus der Perspektive von denjenigen geschrieben werden, ohne die diese Tour nicht möglich wäre: Die Fahrräder. Doch zuvor noch ein paar Worte aus menschlicher Perspektive: Mit zwei Gästen, die uns für einen Tag begleitet hatten und einer Mitfahrerin, die uns einen Tag verlassen hatte und nun zurückkehrte, kann man sagen, dass die Anzahl der Mitfahrenden sich heute wenig veränderte. Punkt Nr. 1 hierzu: Tschüss ihr beiden. Schade, dass ihr nicht weiter mitkommt. Punkt Nr. 2: Schön, dich wieder unter uns zu haben!

Doch nun zu den Fahrrädern.

Am Morgen standen die Fahrräder beieinander. Einige wurde noch umgedreht und mit Werkzeug bearbeitet (es kitzelte immer so wenn ein Schraubenzieher ihre Ketten einstellten und Reifen aufgepumpt wurden). Und so wollte auch das Tandem fit gemacht werden. Es freute sich, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Und beim losfahren war es sich sicher: es war prima in Schuss.

Doch bald schon fühlte es sich unruhig. Irgendetwas stimmte nicht. Mit jedem Meter wurde es ihm deutlicher: Da war was ganz faul. Und als seine Aufsassen dann schalten wollten passierte es. Nicht etwa flog nur die Kette ab, nein, die gesamte Schaltung der vorderen Ritzel verabschiedete sich. Das Tandem war schockiert. So schlimm hatte es sich noch nie etwas gebrochen. Was würde nun passieren? Sollte das heißen, dass das Tandem die Tour verlassen musste? Vor so einem Moment hatte es ihm seit langen gegrault. Es war klar, dass die Aufsassen dem Tandem hier nicht weiterhelfen konnten. Also was tun? Es war ratlos. Es wollte fahren und fahren bis es nicht mehr konnte, einfach diese schreckliche Situation vergessen. Aber wie, ohne funktionierende Schaltung? Alles wurde schwummerig vor seinen Augen, die Welt um es hin drehte sich. Da verlor es das Bewusstsein.

Als es wieder zu sich kam merkte es, dass in der Zwischenzeit mehrere Hände sich seiner Lenkstange angenommen hatten. Langsam wurde ihm klar, dass es zu einem Fahrraddoktor gebracht wurde. Immer noch benommen und blinzelnd merkte es, dass es von allen Seiten mit Schraubenziehen und Heckenschneidern bearbeitet wurde. Ängstlich doch mit neuer Hoffnung wurde es ihm wieder schwarz vor seinen Scheinwerfern. Als es von einem sanften rütteln wach wurde und an seinem Rahmen herabsah, bemerkte es eine brandneue Schaltung über seinen Zahnrädern hängen – und unter seinen Rädern flog die Straße vorbei. Mit neuem Enthusiasmus warf es sich mehr als je zuvor ins Zeug, seine Aufsassen ans Ziel zu bringen. Und schon bald hatte das Dreiergespann den Rest der Gruppe eingeholt.

In der Zwischenzeit hatten die anderen Fahrräder sich schon weiterbewegt. Sie fuhren am Rhein entlang. Das Wetter war schön und die Aussicht genau wie Fahrräder es liebten: Wenige Autos (die stanken sowieso immer so) und viel Asphalt auf dem sie Glücklich ihre Reifen drehen ließen. Und so erreichten sie schon bald ihr Pausen Ziel: Ein zentraler Platz in einem kleinen Ort am Rhein. Erschöpft aber Glücklich sahen sie zu, wie ihre Aufsassen diese tolle Fotoausstellung aufstellten, und vorbeigehenden Interessenten die Reclaim Power Tour und das Klimacamp näher brachten. In ihrer Euphorie hinterließen die Fahrräder noch eine kleine, klebende Botschaft an einem RWE Energiepunkt und machten sich dann, von Gitarrenmusik begleitet und um viele Flyer leichter auf in Richtung Koblenz…

Kurz vor der Stadt kamen noch andere Fahrräder dazu, die die Tour durch Koblenz und in eine kleine Gartenlaube führten, wo alle herzlich empfangen wurden. Und ihre Aufsassen unterhielten sich, lachten und wirkten entspannt. Bevor die Fahrräder einschliefen, hörten sie noch das Reden von einer Fahrraddemo die am nächsten Tag folgen sollte. Und so knipsten sie ihre Scheinwerfer aus, voller Vorfreude auf den nächsten Tag.

Turbolenzen um die Anmeldung des Klimacamps

Im Vorfeld gab es einige Turbulenzen bei der Anmeldung beider Camps, die noch nicht ausgestanden sind. Die Frage lautet Versammlung oder Veranstaltung? Und die Antwort ist ganz eindeutig: Die Camps als solche sind eine politische Meinungsäußerung gegen den Abbau und die Verstromung des klimaschädlichsten aller Energieträger sowie gegen die damit einhergehenden verheerenden Schäden an fruchtbarem Boden, Dorfstrukturen und Ökosystemen.

Und weil dies so ist, werden die Camps erneut als Versammlung unter freiem Himmel angemeldet, auch wenn  die Polizei Kerpen zu verstehen gegeben hat, dass sie das anders sieht.

Hier könnt ihr die letzte Pressemitteilung dazu lesen.

Ganz gleich wie am Ende entschieden wird: Wir alle sehen uns in wenigen Tagen in Manheim und die Vorfreude steigt!